Ggiufu.

Ggiufu.

Ggiufu: Hektik, ungeordnete Eile
Juflè: schnell, aber ungenau etwas tun, hastig arbeiten
Jufli: einer, der immer pressiert, wobei oft die Arbeit darunter leidet

(aus Nidwaldner Mundart, Wörterbuch von Ernst Niederberger)


„Hast du den Text für unseren Vortrag schon fertig?“, fleht es aus dem Nebenzimmer. Schon zum wiederholten Mal. Natürlich nicht, flüstert sie abwesend zu sich selbst. Draussen wird es bereits wieder hell. Sie sieht vor lauter x und y das Blatt kaum mehr. Term rechnen. Noch gefühlte 100 Gleichungen muss sie lösen. Bis zur ersten Schulstunde um 10.45 Uhr. Schnell einen Schluck Tee zum Runterfahren. Zitronenmelisse mit einer Prise Zucker. Verdammt, zu heiss. 2 plus 3 mal 4 in Klammern hoch 2. Sie schaut auf ihre Agenda. Sie weiss es, ohne reinzublättern. Auf den linierten Zeilen für heute herrscht geordnete Leere. Auf ihrem Schreibtisch sieht’s anders aus.

Die ersten Sonnenstrahlen blenden durchs Fenster. Das letzte x ist nun korrekt aufgelöst. Der Zucker in ihrem frischen Tee ebenfalls. Diesmal ohne Deckel auf der Tasse. Perfekt temperiert. Der Zucker schiesst ihr ins Blut. Ihre Batterien scheinen sich von selbst aufzuladen. Diejenige ihres Macbooks jedoch nicht. Dreipolstecker.

Terme auf die Seite gelegt, jetzt zum Vortrag. Es geht um Gottes vielfältige Menschheit. Eine Herzensangelegenheit von ihr. Vorgefertigte Meinungen zu den Geschlechtern. Starre Rollenbilder in modernen Zeiten. Viel kann sie damit nicht anfangen. Sie denkt liberaler. Orientierung suchen in der freiheitlichen Gestaltung des Charakters und des Geschlechts. Das strebt sie an. Das will sie vermitteln. Heute, kurz nach Mittag in der Gewerbehalle. „Immer auf den letzten verdammten Drücker“, meinte ihre Mitbewohnerin leicht vorwurfsvoll schon gestern Abend. Bis jetzt hat’s noch immer gereicht.

10.38 Uhr, noch sieben Minuten bis zu den Termrechnungen. Sie klappt den Mac zu, verstaut ihn in der Tasche, kippt das Matheheft hinterher. Das Buch über Gottes vielfältige Menschheit kommt ebenfalls mit. Das Etui natürlich auch. Unverschlossen leert sie es in die bereits übervolle Tasche. Sie steht auf und dreht sich um. Und erschrickt nicht mal mehr vom Anblick ihres Zimmers. Ein Chaos fast schon biblischen Ausmasses. Noch vier Minuten bis zum Term rechnen. Sie hechtet aus der Wohnung und erst an der Haustür fällt es ihr ein. Sprint zurück in den 3. Stock. Vom Schreibtisch schnappt sie sich Mithu Sanyals Buch über die Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts. Ihre Pointe für den Vortrag. Heute, kurz nach Mittag.

10.44 Uhr. Sie öffnet das Veloschloss. Auf Ihrem Schreibtisch zurück bleibt die Agenda. Für heute sind ja sowieso keine Termine und Deadlines eingetragen.

 

Angekommen.

Angekommen.

Arctic Monkeys – Do I wanna know.

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