Heimat.

Heimat.

Ein Selbst-Streitgespräch.

Wir nähern uns der kalendarischen Jahresmitte und fassen kurz davor nochmals ein richtig heisses Eisen an. Der Mai dreht sich um unsere Wohlfühloase, wo wir uns so verhalten können wie wir nun mal sind, wo wir jeden Fussgängerstreifen und jeden Schleichweg kennen, wo alles immer beim Alten bleibt, egal wie lange wir uns physisch und mental davon entfernt haben. Jede und jeder von uns hat seine ganz eigene Vorstellung von Heimat. Für die einen ist sie eine geografische Zone, für die anderen soziale Zugehörigkeit und für wieder andere einfach ein Gefühl.

Ich glaube, dass diese Faktoren nie getrennt voneinander betrachtet werden können, denn die Sache ist äusserst komplex. Bei mir konkretisiert sich Heimat in einem Wort: Nidwalden. Mein Rückzugsort, meys Deheimä. Über die letzten Jahre hat sich der Begriff Heimat schubweise in meinem Gedächtnis zurückgemeldet und ich habe begonnen, Fragen zu stellen. Und zwar an jene Person, die das Thema vor gut 10 Jahren eigenhändig aus meiner Wahrnehmung verbannt hat: an mich selbst.

(unvollständiger Gesprächsauszug)

Landei-Ich: Es ist wunderschön hier in Nidwalden! Warum bin ich nicht öfters da?

Städter-Ich: Das sagst du immer. Aber bedenke, dass du immer nur während deiner Freizeit hierhin kommst. All die unmotivierten Montagmorgen und ereignislosen Wochentage musst du nicht hier miterleben. Anstelle davon kannst du dich abends mit Kultur und dem pulsierenden Stadtleben ablenken.

Landei-Ich: Aber ich gehöre doch hierhin. Ich bin stolz auf diesen verdammt urchigen Dialekt, die Bauernschläue der Nidwaldner und den ungehobelten Humor.

Städter-Ich: Das geht mir doch genau so. Aber ich kann auch von Luzern aus stolz auf uns Nidwaldner sein. Ich sehe ja sogar rüber zum Stanserhorn, wenn ich abends am See ein Bierchen trinke. Nah genug, aber trotzdem mit wertvollem Sicherheitsabstand.

Landei-Ich: Denselben See findest du auch hier und Bier gibt’s auch genug. Was ist denn so toll am Stadtleben?

Städter-Ich: Ich geniesse die Möglichkeiten. Das bedeutet nicht unbedingt, dass ich alle Vorzüge der Stadt täglich beanspruche. Aber nur schon, dass ich heute problemlos an ein Konzert, morgen ins Kino und jeden Abend in eine volle Bar gehen könnte gibt mir das Gefühl, lebendig zu sein.

Landei-Ich: Von Nidwalden bist du schnell in der Stadt und trotzdem lebst du mitten in der Natur. Die Möglichkeiten erscheinen mir hier nicht geringer zu sein.

Städter-Ich: Das stimmt zu einem gewissen Grad. Aber ich bin einfach noch nicht bereit, jeden Tag die exakt gleichen Gesichter zu sehen und als tägliches Highlight zu erfahren, dass „de Odermatt ubrigens etz mit dere vo Autorf epis am Laife hed“ und „de Bärti imfall, das glaibsch etz nid...“. Nein, bitte (noch) nicht.

Landei-Ich: Ja gut, aber wir sind eben füreinander da. Wir kümmern uns um unsere Gemeinschaft und um unser Dorf.

Städter-Ich: So unpersönlich wie du die Stadt darstellst, ist Lozärn ganz und gar nicht. Du solltest mich mal besuchen kommen, sofern du dich über die Grenze traust.

Landei-Ich: Sprich du lieber mal wieder richtiges Nidwaldner Dialekt, statt dich immer zu verstellen.

Städter-Ich: Äh her doch uif, dui huere Leffubueb.

 

Bob Dylan – Isis.

Bob Dylan – Isis.

SOLA Stafette.

SOLA Stafette.