Übermut.
Im April denken wir gross, ja sogar ein wenig grössenwahnsinnig. Daher vorab ein Warnhinweis an den Leser: Dieser Text ist ein Plädoyer dafür, sich auf den grossen Bühnen des Lebens zu bewegen, selbst wenn die eingeschätzten eigenen Fähigkeiten nur für Nebenschauplätze auszureichen scheinen.
Der Begriff des Übermuts weist mehrere Facetten auf. Die einen sehen in ihm eine sorglose Fröhlichkeit und Ausgelassenheit, andere hingegen erkennen darin arrogante Überheblichkeit und Grössenwahnsinn. Um diesen Zeilen die nötige Grandeur zu verleihen, überlassen wir das Wort dem deutschen Philosophen Friedrich Kirchner, der im 19. Jahrhundert den Übermut wie folgt umschreibt:
“Übermut heißt das vermessene Vertrauen eines Menschen auf seine eigenen Kräfte. Der Übermütige übernimmt in unüberlegtem Selbstvertrauen mehr, als er vermag, verachtet Feinde und Hindernisse, verschmäht fremden Rat und Beistand und handelt so, als ob ihm alles erlaubt wäre.”
Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Kirchner – würde er im Hier und Jetzt leben – seine Definition ein wenig revidieren würde. Wir leben in einer Welt, die uns den Luxus bietet, uns zu verwirklichen, nur das zu tun, was uns gut tut und uns gefällt. Jedoch schmeisst uns das Leben diesen Luxus nicht einfach hinterher, wir müssen ihn uns erarbeiten. Dafür braucht es eine gewisse Portion Risikofreudigkeit, Mut und – ja Kirchner – einen gewissen Grad an Selbstüberschätzung oder wie er es elegant formuliert, ein vermessenes Vertrauen in uns selbst. Würden wir stets nur überlegt handeln und keine Risiken eingehen, so wäre die Welt wohl ein ziemlich langweiliges und innovationsarmes Habitat. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die Linie zwischen Übermut und Leichtsinn ist zwar fein, aber sie besteht auf jeden Fall.
Die meisten Lebensprojekte, ob gross oder klein, beginnen mit dem Akt der kontrollierten Selbstüberschätzung. (Einschub: Eigentlich sollte das Wort kontrolliert vom vorherigen Satz fett markiert sein und rot blinken. Denn Übermut soll hier keinesfalls mit Leichtsinn gleichgesetzt werden.) Es handelt sich dabei um nichts anderes als die Differenz zwischen meinen effektiven und meinen prognostizierten Fähigkeiten. Jeder von uns kennt das Gefühl, wenn man sich in diesem Differenzbereich wiederfindet. Adrenalin schiesst durch den Körper und elektrisiert uns. Ich liebe dieses vitalisierende Gefühl, wenn ich mich wieder mal selbst überschätzt und die Kurve trotzdem gerade noch gekriegt habe.
Sei es beim Biken, wenn ich auf einem Trail während der Fahrt merke, dass die Passage zweifellos zu anspruchsvoll für mich ist und ich sie dann doch irgendwie meistere. Oder sei es im Berufsleben, wenn ich freiwillig einen Auftrag übernehme, der (nur) auf den ersten Blick ein bis zwei Nummern zu gross für mich scheint. Im Nachhinein erweist sich vieles als machbar. Doch würde ich noch immer den Trail runterfahren oder den Auftrag übernehmen, wenn ich vorgängig alle Parameter zu Tode überlegt oder überanalysiert hätte? Wohl kaum, denn dann würden das gefühlte Risiko und die Erfolgshürde zu hoch erscheinen und ich würde ernsthaft zu zweifeln beginnen.
In diesen Momenten braucht es das unüberlegte Selbstvertrauen, um über uns hinaus zu wachsen und um uns aufzuzeigen, zu was wir fähig sind.