Angekommen.
„Herzlich willkommen in der S4 nach Stansstad, Hergiswil, Horw, Luzern“, begrüsst ihn die etwas mechanisch klingende Frauenstimme aus dem Lautsprecher. Eigentlich komisch, nach all den Jahren wieder tagtäglich in die Heimat zu pendeln, denkt er sich, als der Zug an seinem neuen Arbeitsort vorbeirattert. Aber auch schön, irgendwie.
Stansstad. Warum steigen hier abends immer so viele Leute ein? Ach ja. Dichtestress dank Luxusresort, schwebt es ihm im Kopf umher. Etwas Kreativeres fällt ihm dazu nicht mehr ein. Es war ein strenger Tag im Büro. Aber auch ein erfüllender. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hat er das Gefühl, seine Wirkungsstätte gefunden zu haben. Für die nächsten Jahre, vielleicht auch länger. Er kann es sich gut vorstellen. Der Loppertunnel verschlingt die rot-weissen Zugskompositionen. Es wird dunkel.
Er öffnet seine Augen. Hergiswil. Eine Kollegin aus früheren Tagen steigt ein, grüsst ihn und setzt sich mit ihren Arbeitskollegen ins Abteil hinter ihm. Das breite Nidwaldnerdialekt zaubert ihm ein Lächeln ins Gesicht, bevor es wieder dunkel wird. Noch vor dem nächsten Tunnel. Er träumt von einer Frau, so wie schon lange nicht mehr.
Grelles Licht und viel Bewegung um ihn herum. Erst, als jemand leicht an seiner Schulter rüttelt, öffnet er seine Augen. „Dui, setsch uisschteyge, mier sind z’Luzäre“, weckt ihn die Kollegin lachend. Er ist angekommen.
Etwas mehr als 365 Tage* später sitzen wir wieder an derselben schönen Holzbar. Vor uns ein frisch gezapftes Einsiedler Bier. Als verdienter Lohn für die Umsetzung unserer Idee, die hier Ende 2016 gereift ist.
Der November hat’s nicht leicht. Niemand mag ihn. Die herbstlichen Farben sind längst verblichen und die idyllische Winterzeit lässt noch sehnlichst auf sich warten. 30 Tage lang ruft er die dunkelsten Gefühle aus unserem Inneren hervor. Zuweilen fühlt sich das an wie eine Fahrt durch einen Tunnel. Nur, dass wir vergessen haben, wo wir herkamen, wo die Reise hingeht und wie lange sie verdammt nochmal dauert.
„Herzlich willkommen in der S4 nach Stansstad, Hergiswil, Horw, Luzern“, begrüsst ihn die etwas mechanisch klingende Frauenstimme aus dem Lautsprecher. Eigentlich komisch, nach all den Jahren wieder tagtäglich in die Heimat zu pendeln, denkt er sich, als der Zug an seinem neuen Arbeitsort vorbeirattert. Aber auch schön, irgendwie.
„Hast du den Text für unseren Vortrag schon fertig?“, fleht es aus dem Nebenzimmer. Schon zum wiederholten Mal. Natürlich nicht, flüstert sie abwesend zu sich selbst. Draussen wird es bereits wieder hell. Sie sieht vor lauter x und y das Blatt kaum mehr. Term rechnen. Noch gefühlte 100 Gleichungen muss sie lösen. Bis zur ersten Schulstunde um 10.45 Uhr.
Lieber Morgen, du weisst, warum wir dich heute Abend hierhin bestellt haben, nicht wahr? Die geschätzte Hälfte der Bevölkerung findet dein Auftreten seit jeher alles andere als inspirierend und belebend. Nur scheint dir das bislang nicht gedämmert zu haben.
Am Ende des anstrengenden Tages gönnt er sich einen Tropfen von seinem liebsten Gin. Serviert in seinem Glas, das Geschichte schreibt. Mit einer Kulisse, die positive Erinnerungen weckt.
Hitzeprognose, gültig im Juni 2017: Jeden Tag unerträglich sonnig und brütend heiss. Am Nachmittag aus Westen überhaupt keine hohen Wolkenfelder und über den Bergen nicht mal einen Hauch einer Quellwolke.Gegen Abend bleiben mit hoher Dringlichkeit gewünschte Hitzegewitter komplett aus.
Der Mai dreht sich um unsere Wohlfühloase, wo wir uns so verhalten können wie wir nun mal sind, wo wir jeden Fussgängerstreifen und jeden Schleichweg kennen, wo alles immer beim Alten bleibt, egal wie lange wir uns physisch und mental davon entfernt haben. Heimat: Für die einen ist sie eine geografische Zone, für die anderen soziale Zugehörigkeit und für wieder andere einfach ein Gefühl.
Im April denken wir gross, ja sogar ein wenig grössenwahnsinnig. Daher vorab ein Warnhinweis an den Leser: Dieser Text ist ein Plädoyer dafür, sich auf den grossen Bühnen des Lebens zu bewegen, selbst wenn die eingeschätzten eigenen Fähigkeiten nur für Nebenschauplätze auszureichen scheinen.
Mittwochabend, 18.00 Uhr, ich sitze einigermassen unbequem inmitten schalem Red Bull Gestank, schwitzenden Herrenachseln und vom Arbeitstag gezeichneten dunklen Augenhöhlen und warte auf die zündende Idee für diesen Text.