Bob Dylan – Isis.
Jahrzehnte bevor sich Konzerte zu kaleidoskopischen LED-Gewittern à la Coldplay oder grössenwahnsinnigen Bühnenschlachten im Stile von Muse entwickeln sollten, schreibt einer zum wiederholten Male ein Kapitel moderne Musikgeschichte. Die Rede ist natürlich von Bob Dylan und seiner Rolling Thunder Revue Tour.
Im Oktober 1975 trommelt Dylan seine Sessionmusiker vom letzten Album „Desire“ für Proben zusammen. Zu den täglichen Jam Sessions trudeln ständig weitere Musiker ins Studio des Meisters ein. Zu diesem Zeitpunkt ahnt keiner von ihnen, was in den nächsten Monaten auf sie zukommen wird. Am 30. Oktober startet die Rolling Thunder Revue in Plymouth, Massachusetts. Über ein halbes Jahr tourt die Hippie-Karavane mit gut einem Dutzend Musiker durch den Osten der USA. Die 57 Shows umfassende Konzertreihe wird begleitet von einem Filmemacher, einem Fotografen und dem Poeten Allan Ginsberg. Ein bis dato unerreichtes, ja gar grössenwahnsinniges Unterfangen. Die Konzerte der ersten Tourhälfte gelten noch heute als die besten Live-Shows von Bob Dylan.
Der beste Beweis für diese nie wieder dagewesene Spielfreude liefert der Song „Isis“. In der Albumversion ein träger, kaum enden wollender Brocken begleitet von einem gelangweilten Klavier formt Dylan daraus live einen fulminanten Gassenhauer. Die ungebändigte Geige von Scarlett Rivera, die Dylan der Legende nach mitten auf der Strasse aufgegabelt haben soll, bildet dabei das perfekte Pendant zum überzeichneten Gesang. Ein Meisterwerk.
Es gehört zur magischen Kraft einer Live-Show, wenn Künstler ihre bekannten Songs in ein komplett neues Gewand packen. Solche Adaptionen liefern bis heute das schlagkräftigste Argument, weiterhin die Konzertsäle dieser Welt aufzusuchen und Künstler live zu erleben. Durchgestylte Album-Versionen höre ich mir nämlich lieber auf der gemütlichen Couch an statt stehend inmitten einer schwitzenden Menschenmasse.
Um den Kreis zu den Shows von Coldplay und Muse wieder zu schliessen: Natürlich kann man auch die Rolling Thunder Revue Tour von Dylan als komplett überinszeniert betrachten. Aus nüchterner Perspektive war sie das bestimmt. Doch der springende Punkt ist, dass die Inszenierungen bei Dylan nur das Gehäuse bildeten, um den Kern, also die Musik, noch stärker hervorzuheben. Bei heutigen Stadion-Shows wird das Gehäuse oftmals derart gross aufgeblasen, weil die Musik nichts mehr zu sagen hat.
Konzerte dürfen alleweil opulent orchestriert und inszeniert werden. Um dabei Erinnerungen für die Ewigkeit zu schaffen, muss die Musik jedoch zwingend im unangefochtenen Mittelpunkt stehen.
Und zum Schluss: Die Bühnenpräsenz einer Band offenbart sich erst dann, wenn alle Bildschirme schwarz bleiben und die Konfettikanone im Keller bleibt.