Discofinger und Züriferse am Matterhorn.
Das Zermatt Unplugged wird oft missverstanden – als elitäres champagnerdurchtränktes People-Event für diejenigen unter uns, die an der Goldküste des Lebens stehen. Vor Ort zeigt sich ein zuweilen komplett anderes Bild: Von der BBC einst als «Glastonbury of the Alps» bezeichnet, bietet das 5-Tage-Festival ein wahnsinniges Sammelsurium an Newcomern und gestandenen Grössen aus den Sparten Pop, Rock, Jazz und Blues. Und immer wieder beflügelt das Festival gewisse Bands, die dann für diesen einzigartigen berühmt berüchtigten Unplugged-Moment sorgen – so auch dieses Jahr.
In den letzten fünf Jahren durfte ich das Zermatt Unplugged jeweils hautnah miterleben. Und jeder Jahrgang brachte mindestens einen dieser oben erwähnten «Unplugged-Momente» hervor. Es sind diese Momente, in denen man während einer Show kaum fassen kann, was man da sieht – oder besser – hört. 2014 etwa, als die für ihren schnörkellosen Südstaatenrock bekannten Band of Horses ihre Songs komplett für die Akustik-Show mit durchgehendem Gänsehaut-Feeling neu arrangierten. Oder 2015, als die jungen Musiker von Kill it Kid das aus allen Nähten platzende Vernissage schon nach drei Songs zum Durchdrehen brachten – und das soeben Passierende selbst kaum glauben konnten. Oder 2016 mit dem poetischen Faber, 2017 mit der unglaublichen Stimmgewalt des Schwingerhemden tragenden Marius Bär. Und 2018?
Die Zeltbühne des Zermatt Unplugged, reserviert für die Headliner, ist nicht meine Welt, das gebe ich zu. An Konzerten stehe ich lieber. Nach einem langen Tag in einem warmen Zirkuszelt der gehobenen Singer-Songerwriterkunst zu lauschen kann dann doch etwas einschläfernd wirken, egal wie herausragend die Künstlerin auf der Bühne performt. Daher habe ich mich auch in diesem Jahr vor allem auf die grossen Nebenbühnen Vernissage und The Alex fokussiert. Und wurde einmal mehr überrascht und begeistert.
Für meinen diesjährigen Unplugged-Moment muss ich ein wenig ausholen: Dieses beinahe in die Unendlichkeit lang gezogene und in beleidigt breitem Zürcherdialekt gesungene «nöd» vom Chorus ihres Hits «Angelina» nervt mich schon ein ganzes Weilchen. Daher hatte ich das Vernissage-Konzert der Jungs von Dabu Fantastic auch überhaupt nicht auf meinem Radar. Als sie jedoch am Tag ihrer Show im Unplugged-Instagram Take-Over einen derart sympathischen und witzigen Eindruck hinterliessen, fühlte ich mich gezwungen, der Band eine faire Chance zu geben.
Kurz nach 21 Uhr betreten nicht bloss zwei sondern acht Jungs die nun winzig erscheinende Bühne. Schlagzeug, Percussion, Bass, zwei Gitarren, Keyboard, DJ-Pult und Klavier, umgarnt von meterlangen Kabeln: Die Instrumente sind passgenau arrangiert, die Bewegungsfreiheit der Musiker stark eingeschränkt. Auch auf der anderen Seite, im Publikum, ist jeder Zentimeter ausgefüllt. Es ist eng. Es ist jetzt schon verdammt heiss. Alles ist angerichtet.
Im Laufe der Show werde ich erfahren, dass Dabu Fantastic alle Songs ihres letzten Albums für solche Akustik-Shows komplett umgeschrieben haben. Doch sie haben mich schon vorher: Bereits nach den ersten zwei Songs bin ich zu meiner eigenen Überraschung hell begeistert vom satten Sound, den absurd-cleveren Texten und dem sympathisch-witzigen Auftreten der beiden Hausherren. Mit lässiger Leichtigkeit schaffen sie es, das Publikum für sich einzunehmen, zum Singen und zum Mittanzen zu animieren. Und so blicke ich nach knapp der Hälfte des Konzerts erstaunt um mich herum, mit der Züriferse wippend und dem Discofinger in der Luft. Was zur Hölle ist da passiert? Die pure musikalische Magie hat mich wieder mal gepackt.
Selbst für ihren bereits erwähnten, mich in den baldigen Wahnsinn treibenden Überhit «Angelina» kann ich mich problemlos erwärmen. Aus dem poppigen Mitgröler haben die Jungs eine gefühlvolle und überaus stimmige Ballade herausgeschält. Das muss man sich erst einmal trauen.
Und so schliesse ich diese überraschende Lobeshymne mit den Worten der Band aus ihrem Song Belüftigsaalag: «Dä Shit isch fantastic, D.A.BU fantastic». Punkt, bis am Zermatt Unplugged 2019.